Bei ihrem zweiten Album kannte die Musikerin keine Grenzen
„Ich möchte einen sicheren Raum schaffen, in dem sich Menschen verlieren können. Meine eigene Welt, in der diese Musik und all diese Geschichten die Möglichkeit haben zu existieren“, erzählt Holly Humberstone im Gespräch mit Apple Music. „Musik ist für mich eine Flucht vor der Realität des Lebens. Denn die ist heutzutage beängstigend, hart und brutal.“
So erforscht Humberstone auf ihrem zweiten Album „Cruel World“ den Rausch neuer Liebe, Liebeskummer sowie die Wachstumsschmerzen einer jungen Frau und Künstlerin. Untermalt werden diese Gedanken von der überzeugendsten Musik, die sie bislang geschaffen hat. Dieses Selbstvertrauen, so betont sie, sei durch Selbstfindung während der Entstehung dieses Albums gekommen: zum einen, indem sie nach Jahren voller Touren zur Ruhe kam, und zum anderen, als sie ihr Elternhaus nach dessen Verkauf ausräumte. Das Haus war für die Musikerin so inspirierend, dass es in ihrer Musik zu einer eigenständigen Figur und auf dem Track „Haunted House“ von 2021 verewigt wurde. „Ein so großer Teil meiner Identität ist dort verwurzelt“, sagt Humberstone über den Ort, an dem sie aufwuchs. „Ich fand all meine alten Sachen wieder und dachte mir: ‚Moment, das bin ja ich.‘ Mir kommt es so vor, als hätte ich so vieles über mich selbst vergessen.“
„Cruel World“ erscheint sechs Jahre, nachdem die Singer-Songwriterin aus den Midlands erstmals Musik veröffentlichte – und nach stetigen Karrieresprüngen, die ihr Fans wie Olivia Rodrigo, girl in red und Taylor Swift (die sie im Sommer 2024 auf ihre „Eras Tour“ einlud) eingebracht haben. Dazu kommt noch ein BRIT Rising Star Award aus dem Jahr 2022. Nach all den Erfolgen ist dies nun das Album, das so aussieht und klingt, wie es sich Humberstone mit elf Jahren vorgestellt hat.
Mit einer organischen Klangpalette, warmen Synthesizern, viel Pop-Sensibilität und Texten, die ebenso prägnant wie augenzwinkernd daherkommen, wirkt „Cruel World“ locker und befreit. Und macht eine Menge Spaß. „Ich hatte das Gefühl, keine Grenzen oder Einschränkungen zu haben“, erklärt Humberstone. „Ich konnte experimentieren und versuchen, mich neu zu definieren.“ Tauche in die Welt der Sängerin ein und lass dich von ihr Track für Track durch das Album führen.
„So It Starts …“
Mit etwa acht Jahren ging ich zur Royal Ballet School. Meine allererste Bühnenerfahrung war dann im Royal Opera House, total abgefahren. Teil eines Theaterstücks zu sein, ist so wunderschön und sinnlich. Und der Klang des sich einstimmenden Orchesters ist für mich der beste Sound der Welt. Dieser Song sollte sich so anfühlen, als würde man zu einem Theaterstück, Ballett oder Konzert gehen. Man nimmt Platz, und die Show beginnt.
„Make It All Better“
Dieser Song des Albums war am schnellsten fertig. Er fühlte sich natürlich an und entstand quasi wie von selbst. Zu dieser Zeit war ich frisch in einer neuen Beziehung. Im Text geht es darum, etwas Besonderes schützen und pflegen zu wollen, es gleichzeitig zu romantisieren und davon zu träumen, was die Zukunft bringen könnte.
„To Love Somebody“
Ich schrieb diesen Song, nachdem eine mir nahestehende Person schweren Liebeskummer durchgemacht hatte. Man sieht kein Licht am Ende des Tunnels und erkennt nicht, dass das Ganze auch etwas Positives sein und zu Wachstum führen könnte. Ich habe die Situation so gesehen: ‚Du bist total zerstört, aber die Trauer, die du empfindest, ist ein Maß für die Liebe, die du erlebt hast.‘ Ich wollte ihr die Bestätigung geben, dass dies nur ein winziger Moment einer langen Geschichte ist. Die Erde dreht sich weiter, und es wartet noch so viel mehr auf dich.
„Cruel World“
Der Song dreht sich um eine Fernbeziehung und darum, wie sich die gesamte Wahrnehmung der Welt um dich herum so anders anfühlen kann, wenn diese eine Person fehlt. Wir [Humberstone zusammen mit ihren langjährigen Musikpartnern Rob Milton und Benjamin Francis Leftwich] stellten uns vor, in einem Club zu sein, wo sich all diese Paare um einen herum küssen. Die Situation erinnert einen daran, wie alleine man ist. Dieser Song ist aber auch frech und unterhaltsam. Es ist das euphorische Gefühl, das mit dem Verliebtsein einhergeht, gepaart mit einem düsteren Text.
„Die Happy“
Ich glaube, das ist der visuellste Song auf dem Album. Wir schrieben ihn um Halloween herum. Und Halloween hatte schon immer eine besondere Bedeutung für mich. Ich liebe gruselige Dinge, wir verweisen zum Beispiel auf Bela Lugosi, der im Originalfilm „Dracula“ mitspielte. Ich bin auch ein riesiger Fan von Lana Del Rey mit ihrem gruseligen, ätherischen, irgendwie femininen und geisterhaften Stil. Wir hatten einfach Spaß. Ich wollte einen Song für Menschen schreiben, die so intensiv lieben, dass es sie manchmal erschreckt. Liebe kann auch eine gefährliche und dunkle Seite haben. Es ist eine gruselige Liebesgeschichte für alle Gothic-Paare da draußen.
„White Noise“
Ich brauchte einen Tapetenwechsel, also fuhren wir nach Nashville. Ich tauchte voll und ganz in die Kultur dort ein, und das hört man. Hier haben wir einen geradlinigen, schamlosen Popsong mit einem Touch von Country. Wir kennen es doch alle, eine betrunkene junge Frau in einem Club, die zu allem mitsingt, was der DJ gerade auflegt. Wir [Milton, Jon Green und der in Nashville ansässige Songwriter Mikky Ekko] beziehen uns hier auf Post Malone, Miley Cyrus, The Weeknd und natürlich Kacey Musgraves.
„Lucy“
Dieser Song ist ein Schlaflied für Lucy, aber auch für mich selbst. Ich hatte das Gefühl, ihn hören zu müssen. Das Ganze ist wie eine Umarmung in Liedform, so nach dem Motto „Du schaffst das, du bist auf dem richtigen Weg“. Und er geht raus an jede junge Frau, die nicht weiß, wo sie in einer Welt hingehört, die nicht wirklich für uns gemacht ist. Ich glaube nicht, dass dieses Gefühl jemals verschwindet. Man lernt nur, seinen Frieden damit zu schließen.
„Red Chevy“
Ich hatte meine letzte Show im Jahr 2024 gespielt und war lange in den USA gewesen. Ich kam nach Hause, ging direkt ins Studio und schrieb diesen Song. Das war, bevor ich überhaupt wusste, wie das Album sein oder klingen sollte. Einfach ins Blaue hinein. Für mich fühlt sich das hier an wie die Brücke zwischen „Paint My Bedroom Black“ und „Cruel World“. Der Song ist auch frech und sexy. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, diese Seite von mir ausdrücken zu können.
„Drunk Dialling“
Hier stand der Spaß im Vordergrund. Wir waren doch alle schon mal in einer Situation, in der wir verzweifelt nach der Aufmerksamkeit von jemandem suchen, und sich die Person überhaupt nicht um einen schert. Dieser Song klingt wie eine Mischung aus Verlangen, Traurigkeit und unerwiderter Liebe – und ich habe das Gefühl, hier nehme ich mich selbst so viel wie möglich auf die Schippe.
„Peachy“
Für mich ist kein Album komplett ohne eine dekonstruierte Klavierballade. Es geht darum, emotional verantwortlich für die Gefühle anderer zu sein. Ich persönlich möchte nicht so viel Verantwortung für das Herz einer anderen Person tragen. Dieser Song ist wie die Fortsetzung meines Songs „Friendly Fire“ [von der EP „The Walls Are Way Too Thin“ aus dem Jahr 2021].
„Blue Dream“
Dieser Song sollte nie zu ernst sein. Die Inspiration dahinter ist ziemlich simpel: Mein Freund war in L.A., arbeitete an einem Album und rauchte Blue Dream. Es geht darum, wie Liebe psychedelisch sein kann. Blau ist für mich eine so ausdrucksstarke Farbe: Ich finde, sie steht für Frieden, Liebe und Natur. Gleichzeitig ist Blau auch eine traurige Farbe. Und dass diese Dinge im selben Raum existieren, fühlte sich wie ein zentrales Thema des Albums an.
„Beauty Pageant“
Hier klingt es so, als würde sich der Vorhang schließen. Ich gehe am Ende einer Show in meine Garderobe, entferne mein Make‑up und sitze in der Stille alleine da, nachdem alle gegangen sind. Ich wollte über meine Erfahrung als Frau sprechen – und darüber, dass Schönheit und die Ausdauer weiterzumachen, aufzutreten, zu lächeln und zu performen, wie eine Währung für uns alle sind. Egal in welchem Bereich. Ich wurde gegen meine Freundinnen und andere Frauen ausgespielt. Und als ich anfing, Musik zu veröffentlichen, hatte ich ein richtiges Problem damit, wie ich andere Künstlerinnen sah. Es ist peinlich, das zuzugeben. Aber unsere Gesellschaft ist so aufgebaut, dass wir uns immer miteinander vergleichen und besser sein wollen. Dieser Song handelt von der Gegenüberstellung zwischen dem, wie wir uns auf der Bühne oder online präsentieren, und dem, wie wir uns hinter verschlossenen Türen geben. Und vom Kampf, relevant, hübsch und jung zu bleiben.